Sonntagmorgen. Die Sonne blinzelt schon über die Bergkämme, der Kaffee dampft und die Stimmung ist gut. Während der Rest der Familie noch in den Tag startet, sitze ich da, das Tablet auf dem Tisch, und grüble: „Wo soll’s heute hingehen?“
Nach einer Weile steht der Plan. Eine schöne, runde Sache soll es werden. Also wird am Track gefeilt, die Tour akribisch zusammengebastelt und jedes Detail gecheckt. Dann das übliche Ritual: Klamotten suchen, Luftdruck prüfen, Akkus checken, den Rucksack packen. Alles sitzt, die Vorfreude steigt. Das Ziel ist klar: Der Kiefhölzer Teich bei Clausthal-Zellerfeld. Ein Sprung ins kühle Nass, entspanntes Treten, keine Komplikationen.
Okertal als Opener
Wenn der Trail zum Mindset wird
Schon die ersten Meter entlang der alten Harzstraße im Okertal setzen den Ton für den Tag. Hier draußen ist der Alltag meilenweit weg. Die Kulisse ist wie immer spektakulär: Massive, schroffe Felsformationen ragen in den Himmel, während unten im Tal die Oker über die Steine rauscht.
Es ist diese spezielle Mischung, die das Okertal so besonders macht. Hier begegnest du den ersten Wanderern, die den Blick nach oben zu den Kletterern an den Felswänden richten. Es herrscht eine gelassene, fast schon entschleunigte Atmosphäre – purer Urlaubs-Vibe, mitten im Harz.
Für uns auf dem Bike bedeutet das: Gang rausnehmen, die Szenerie in sich aufsaugen und einfach rollen lassen. Es geht nicht um Bestzeiten, sondern darum, die Strecke zu genießen. Die Schotterwege und kleinen Pfade sind ein Genuss – genau das richtige Mindset für eine solche Tour.


Strecke
⇢ 53 km
⇡ 1.022 m
Typ
Befestigt 15 km
Unbefestigt 38 km
Fahrbar für
eMTB, Gravel, MTB


Wenn die Kompassnadel übernimmt
Stress-out oder Quality-Time
Doch dann – der Klassiker – zickt das Navi. Die Route spinnt, das Display zeigt irgendwas, das mit unserer Realität mitten im Wald nur wenig zu tun hat. Vor ein paar Jahren hätte mir sowas die Tour verdorben. Heute? Heute ist das der Startschuss.
Wir haben das Navi in dem Moment einfach Navi sein lassen. „Karten-Modus“ an: Grobe Richtung im Kopf, der Rest ist Bauchgefühl. Früher, zu grauen Vorzeiten, bevor jeder Meter Strecke in GPS-Daten gegossen war, hat das schließlich auch funktioniert. Da wurde an der Kreuzung kurz die Karte aus dem Rucksack gezogen, kurz gepeilt – reicht ja auch, um nicht komplett in die falsche Richtung zu ballern – und weiter ging’s.
Statt heute stur den digitalen Linien auf dem Display zu folgen, haben wir uns wieder auf dieses alte Gefühl verlassen. Es ging rauf auf die Schalke. Der Turm stand in der Sonne, der Wind blies uns um die Nase – und das Gefühl, nicht „irgendwo“ zu sein, sondern genau da, wo es sich gerade richtig anfühlt, war sofort präsent.
Der Weg zum Teich wurde plötzlich zur Entdeckungsreise durchs Tour-Archiv. Alte Pisten, die wir viel zu lange nicht mehr unter den Stollen hatten, und Pfade, die wir aus dem Gedächtnis heraus neu zusammengesetzt haben.
Erinnerungen statt Algorithmen
Abkühlung und Vitamin D Konto füllen
Nachdem wir uns am Kiefhözer Teich ganz entspannt abgekühlt haben lagen wir hier noch eine Weile unter den Fichten direkt am Wasser. Genau so hatte ich mir das auch vorgestellt. Entspannung pur.
Der Rückweg war dann das nächste Highlight. Das Navi wollte uns stur über Goslar und Oker zurückschicken. Wir haben „Nein“ gesagt. Stattdessen sind wir über Altenau gefahren – zurück auf die Trails, die wir vor Jahren schon rauf und runter gefahren sind. Jeder Abzweig an der Okertalsperre fühlte sich an wie ein Wiedersehen mit einem alten Bekannten.
Die Sonne, das Glitzern der Talsperre, der Duft von Wasser, Wald und der Fahrtwind – das ist es, was Biken im Harz für mich ausmacht.


Mein Fazit: Warum Planung manchmal überschätzt wird
Wir Tech-Nerds lieben unsere Metriken, unsere GPX-Tracks und unsere perfekt geplanten Routen. Aber am Ende des Tages ist das „Treiben lassen“ der wahre Luxus. Wenn du dich traust, die geplante Route zu ignorieren, öffnest du den Raum für den Zufall. Und meistens ist es genau dieser Zufall, der aus einem „Okayen“ Sonntag ein echtes Erlebnis macht.
Mein Tipp für die nächste Ausfahrt: Pack das Navi ein, aber lass es ruhig mal stumm. Such dir einen groben Punkt auf der Karte und schau, wohin dich dein Bauchgefühl führt. Die besten Trails sind oft die, die auf keiner Karte als „Route“ markiert sind.
Die Tour
Wenn Du die Tour nachfahren willst, schmeiß‘ gern ein paar Münzen in die FichtenAffe Kaffeekasse.
